Deutschlandfunk Zwischentöne
Brotexperte Lutz Geißler: “Mir geht’s darum, Transparenz zu schaffen.”
Kommentar
Ohne Zweifel, um Transparenz geht es mir auch!
Ich möchte auch, dass die Verbraucherinnen und Verbraucher in der Lage sind zu entscheiden, was sie essen möchten und welchen Preis sie dafür bezahlen. Die mündige Verbraucherin, der mündige Verbraucher! Jede und jeder kann mit Selbstbewusstsein und Selbstverantwortung bei vollständiger Informationslage entscheiden, was sie oder er sich einverleibt! Wunsch oder Wirklichkeit?
Ist das möglich? – Theoretisch ja! Wohingegen der Ökonomon in mir sofort widerspricht, mit dem Argument, vollkommene Information ist ein Modellzustand, der in der Realität nicht erreicht wird.
Wollen wir das? – Natürlich! Jederzeit!
Können wir das? – Vermutlich, nein! Denn Achtung und Verantwortung über das eigene Handeln fallen der hektischen Konsumgesellschaft in vielen Alltagssituationen zum Opfer.
Liegt die Wurzel dieses Übels jetzt wirklich im Bäckerhandwerk, lieber Lutz Geißler?
Vieles von dem, was du sagst, ist bedauerlicherweise sehr nahe an Realität und Wahrheit. Das Bäckerhandwerk hat in der Vergangenheit vieles von seinem wertvollen Anteil an der deutschen Brotkultur nicht erhalten können. Da stimme ich dir gerne zu. Aber die vielen positiven Veränderungen, viele kleine und große Schritte in eine neue nachhaltige Richtung und genussreiche Ansätze, die bleiben in diesem Interview leider wieder unerwähnt. Ebenso wie leider der Eindruck entsteht: wahre Bäckermeister, so richtig klassisch ausgebildet und in Lohn und Brot stehend, die bereits sehr viel tun um “… Mauern einzubrechen …”, die scheint es, wenn ich deinen Worten folge, gar nicht zu geben.
Entschuldigung, aber ich zähle mich eben genau zu dieser Gruppe! Bäckerlehre – Bäcker Meisterschule – Brot Sommelier! Und von meiner Spezies gibt es immer mehr und richtig gute! Dem Aufbruch und den vielen neuen Gedanken sei Dank!
Also konkret: Was du zum Thema eigener Betrieb, Meisterzwang und Hürden in Deutschland sagst, dem widerspreche ich stark! Schau doch einfach mal auf meinen Weg!
Bankkaufmann (24) > Corporate Management Univ. B.A. (28) > Bäcker Geselle (32) > Bäcker Meister (33) > Brot Sommelier (41).
Noch Fragen, Lutz??? Ruf mich gerne an oder schreibe hier einen Kommentar und ich erkläre dir, wie es auch mit formeller und fundierter Ausbildung ein guter Bäckerweg werden kann!
Hätte ich dann noch Ressourcen und Verbindungen zur richtigen Zeit und am richtigen Ort gehabt, wäre auch meine eigene Bäckerei heute Realität und sicherlich auch erfolgreich!
Ob du, gemeinsam mit Christina, mich dann auf eurer Radtour durch die Republik gefunden hättest? Schwer zu sagen. Denn, so wie deine Worte heute in meinem Ohr angekommen sind, habt ihr vielleicht weniger richtig gutes Brot gesucht, sondern mehr die schlechten Bäckerinnen und Verkäuferinnen.
Auf dieser Ausgangsfrage ein Buchkonzept aufzubauen und tatsächlich in semi-wissenschaftlicher Weise Erhebungen zu veröffentlichen, das finde ich traurig. Ihr hättet ebenso gut, wahrhafte gute, handwerkliche und ehrliche Bäcker*innen finden können, und euer Buch wäre nicht weniger umfangreich geworden.
Wahrscheinlich wäre dann der Teil mit den eigenen Rezepten nur fehlplatziert gewesen. Aber dafür hätte es dann einfach noch eine andere Veröffentlichung gegeben. Wäre doch auch nicht so tragisch gewesen. Einfach mal zu trennen – nicht wieder die vermeintliche Bühne der anderen wieder zur eigenen zu machen. Abschließend zu dieser Veröffentlichung, ob als eigener Rezept- und Bildband oder als manipulative Studie, bleibt bei mir nur die Frage haften, wem eigentlich wirklich gedient sein sollte?
Das Stichwort Brotkultur und Schätze heben, wie zum Abschluss des Interviews erwähnt, finde ich sehr spannend und absolut großartig und motivierend. Hier sehe ich Symbiose von retrospektiver Analyse und prospektiver Denkhaltung.
Nur die Prospektive fehlt mir bei Lutz dann wieder ein wenig. Es ist der Unterton, der in seinen Zwischentönen leider immer mitschwingt. Zu sehr, in der Vergangenheit verhaftet. Argumentativ auf Konfrontation mit dem alten Bäckerhandwerk. Wo aber ist der Blick auf das neue Bäckerhandwerk? Warum erkennst du die neo-klassischen Bäckerinnen und Bäcker nicht? Und warum ist der Meisterzwang auch aus deiner Sicht der böse Dämon des Bäckerhandwerks? Kannst du nicht anerkennen, dass auf diesem Weg immerhin noch eine konkrete Ausbildung gesichert wird? Sicherlich müssen Ausbildungsstrukturen, Inhalte und Methoden auch mal überarbeitet und auf den neuen Zeitgeist angepasst werden. Aber deswegen ist doch die Struktur und das Rahmenwerk nicht gleich per se schlecht. Leider, das “… nicht alle über einen Kamm scheren“…“, gelingt auch dir nicht so ganz trennscharf.
Ich möchte das Interview jetzt wirklich nicht einem stringenten Fakten-Check unterziehen. So viel sei aber gesagt: Zutatenlisten müssen auch für unverpackte Backwaren in jeder Bäckerei bereitgestellt werden; Natursauerteig und Sauerteig-Brot sind in den Leitsätzen für Brot und Backwaren eindeutig definiert; die Akademien des deutschen Bäckerhandwerks leisten großartige Arbeit, dem Bäckerhandwerk substantiell neues Leben einzuhauchen und verkrustete Strukturen aufzubrechen.
Alle weiteren Fakten und Kommentare, können vielleicht im weiteren Diskurs aufgearbeitet werden.
Abschließend möchte ich natürlich deutlich sagen: großen Respekt und Anerkennung! Lutz hat es geschafft, vom Deutschlandfunk eingeladen zu werden und in der Sendung “Zwischentöne” einen Top-Sendeplatz bekommen. Auch ich bin seit meiner Jugend regelmäßiger DLF-Hörer und habe einige Radio Minuten und Stunden gemeinsam mit dem DLF verbracht. Und auch die Sendung Zwischentöne, bereichert regelmäßig meinen Hörgenuss. Ob mich dies jetzt auch zu einem der sogenannten “Nerds” macht, wie es im Interview angesprochen wurde, weis ich nicht und möchte ich auch eher unkommentiert lassen. Ohne Zweifel hingegen sehe ich auch mich als sehr kritischen Geist, mit hohem Drang nach Analyse, Interpretation und Diskurs. Wahrscheinlich sind Lutz und ich uns in diesem Aspekt sehr ähnlich und könnten lange miteinander diskutieren. Um so mehr, zunächst überrascht, und dann natürlich sehr hellhörig, war ich heute als ich Thema und Gast der Sendung erkannte.
Vielen Dank an DLF und Lutz für diesen bereichernden Diskurs!

